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  24.08.2010 von Bertram Grund

Neulich bei Sony


Endlich hatten wir den lange ersehnten Termin. Seit einem Jahr baggerten wir an Sony Deutschland. Sicher ein Zehntel unseres Akquisebudgets war in den vergangenen zwölf Monaten für den japanischen Riesen draufgegangen. Unzählige Telefonate, Übersetzungen in die Märchensprache, Einladungen zur Dinnershow - wir wollten den Auftrag unbedingt, wir wollten das Sony Center Berlin als innovative Veranstaltungs- und Tagungsstätte darstellen und es international vermarkten.

Vor drei Jahren hatten Mika Rose und ich ’time4tea’ gegründet, eine kleine, im Aufwind tanzende Werbeagentur, die bewusst dem Trend schnell gelebter Träume Langsamkeit und Seriosität entgegensetzte. Das kam erstaunlich gut an. Das hatte in hohem Maße mit uns zu tun.

Mika kann Sales & Marketing, ist zurückhaltend, wirkt zerbrechlich und betört alle potentiellen Partner mit natürlicher Schönheit und ihrer betörenden, Geborgenheit vermittelnden Stimme. Nicht selten habe ich es erlebt, wie sich die Gesichtszüge verspannter Manager allmählich glätteten, erlebten sie sich doch in ihrem Kinderbett wieder, genau in dem Moment, als die Mutter das Buch zuklappte und sich für den Gute-Nacht-Kuss über sie beugte.

Ich selbst liebe Corporate Events, tief sitzende Jeans von D², blank geputzte, geschnürte Budapester und unifarbene, taillierte Markenhemden, die ich stets offen unter einem perfekt sitzenden,
sündhaft teuren Armani- oder Zegna-Jacket trage. Ich gelte als charmanter Pedant und freue mich stets über das überraschte Gesicht meines Gegenübers, wenn ich meinen Namen nenne.
»Leander Zar, kein Witz«, stelle ich mich vor und manchmal, wenn ich besonders peinlich sein will, füge ich noch hinzu »...und ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen...« – wobei in mehr als 50% der Begrüßungen die Geschäftspartner das vor mir übernehmen.

In zehn Minuten sollten wir in der Zentrale am Potsdamer Platz sein, und nun steckten wir im dichten Schneetreiben auf der Itzhak-Rabin-Straße mitten im Tiergarten fest.
»Was für eine Suppe«, meinte ich nicht in bester Stimmung, und Mika ergänzte: »Trübe Aussichten für gleich.« Fünfundzwanzig Minuten zu spät standen wir schließlich in der Lobby des Weltkonzerns.

Maria Ilona Legal, zuständig für Unternehmenskommunikation Sony Deutschland, kam im für ihre Berufgruppe typischen dunklen Hosenanzug, als Reminiszenz ihrem Arbeitgeber gegenüber war ihr Kostüm per Stehkragen hochgeschlossen. Mir schien, ihre Augen hatten schon die Form einer Mandel angenommen. Sie empfing uns freundlich unverbindlich, und auf dem Weg zum Aufzug meinte ich in sicherem Abstand schon ein wenig besser gelaunt zu meiner Kollegin: »Ob die lichtigelweise Regal heißt«, was Mika mit einem abwehrenden Zischen quittierte.

Auf dem Weg in die dreiundzwanzigste Etage bemerkten wir mit Freude, wie sich der Himmel über Berlin öffnete und die Sonne weiß leuchtende Strahlen über den glitzernden Tiergarten schickte. Mittendrin schob sich die Siegessäule aus der unwirklichen Szenerie und Goldelse funkelte im Licht, als wollte sie uns ein kräftiges Toi Toi Toi zublinkern.

Oben angekommen, führte uns Maria in die ‚Bellevue-Lodge’, eine ganz und gar nicht übertriebene Bezeichnung für diesen mit edlen Hölzern und neuester Technik ausgestatteten Meetingroom hoch über der Hauptstadt. »Gott sei Dank mal nicht ‚VIP Lounge Frankfurt’ oder ‚Konferenzsaal Amerika’...«, tuschelte Mika und Maria hieß uns abzulegen und Platz zu nehmen.

»Tee, schwarz oder grün, Wasser oder Kaffee?«, lud uns Maria ein, und wir entschieden uns beide für Japans Nationalgetränk, »...wenn wir schon mal da sind.« Nachdem wir uns gegenseitig die Visitenkarten über den Tisch geschoben und wir uns nochmals für die leichte Verspätung entschuldigt hatten, bat Maria ihrerseits um Verständnis für die lediglich gute Viertel Stunde, die nun noch zur Verfügung stünde; Punkt Zwölf dränge bereits die nächste Verpflichtung ihres Vorgesetzten.
‚Oh, das wird verdammt eng’, dachte ich und sagte: »Oh, gar kein Problem, dann gibt’s halt gleich den Schnelldurchlauf.« Statt irgendwie zu reagieren, goss Maria sich selbst Kaffee ein und rührte Milch und Zucker derart zackig um, dass ich dachte, sie wolle ihr Getränk pürieren. Wir tranken alle – und warteten.

»Die Aussicht ist ja wirklich atemberaubend«, versuchte Mika, den fehlenden, gewohnten Small Talk zu unterbrechen. »Ja, wir sind auch ganz glücklich darüber«, entschied Maria, das nicht zuzulassen und nahm unsere vor ihr liegenden Visitenkarten ins Visier. »Das ist ja extrem lustig«, meinte sie todernst und wandte sich an meine Kollegin, »Herr Hakinen heißt fast so...«

In diesem Moment ging die Tür schwungvoll auf und wie in einem Boulevardstück betrat aufs Stichwort ein kleiner Mann mit einem riesigen Stapel verschiedener Papiere unter dem linken Arm die Bühne.
»Darf ich bekannt machen, Maki Hakinen ist zuständig für strategische Planung und Mitglied der Geschäftsführung von Sony Deutschland und freut sich, Sie hier bei Sony Deutschland begrüßen zu dürfen«, begleitete Maria den Auftritt ihres Chefs. Herr Hakinen schoss an mir vorbei, lud den Stoß Unterlagen mit einer linkisch-eleganten Drehbewegung auf dem Tisch ab, rückte seine Designer-Hornbrille gerade, strich seinen makellosen, faltenfreien Anzug mit beiden Händen zurecht und steuerte nun direkt auf meine verdutzte Kollegin zu. Ich roch das Parfum, das ihm wie ein Bodygard schützend den Rücken freihielt. Vor Mika angekommen verbeugte sich Maki Hakinen tief und präsentierte ihr offensichtlich seine Visitenkarte, denn sie beeilte sich, die ihre aus ihrer Gesäßtasche zu nesteln, was ihr nach einigem Bemühen schließlich auch gelang.

Um besser als Mika vorbereitet zu sein, nahm ich meine Visitenkarte vom Tisch, nicht ohne die Zeremonie aus meinen Augen zu lassen. Während des gesamten Suchvorgangs blieb der Japaner regungslos gebückt vor meiner Kollegin stehen. Ich dachte noch, ‚los Mädel, das geht alles von unserer Zeit ab’, da hörte ich Maki Hakinen in nahezu akzentfreiem deutsch sehr freundlich sagen:
»Wie lustig, Sie schnelle Räder, ich kleine Rollen...«

Ohne eine Reaktion oder gar eine Antwort abzuwarten, drehte er sich mit einem scheinbar festgezurrten Lächeln um und stand vor mir mit seinem Visitenkärtchen wie ein von Manufactum wieder belebter Stummer Diener. Ich nahm die gleiche Haltung wie mein Gegenüber ein und mir war, als hörte ich die ans Herzen gehende Titelmelodie aus ‚Der letzte Kaiser’. Langsam nahm ich sein Kärtchen und legte, nicht ohne seine hohe Stirn aus den Augen zu lassen, meines auf sein aus zwei kleinen, gelben Menschenhänden geformtes Tablett.

Mit einer ruckartigen, nach oben gerichteten Kopfbewegung wie der eines Körner fressenden, gerade erschreckten Huhnes, brach er mir beinahe die Nase, unsere Augen kamen einander so nahe wie üblicherweise nur die, sich innig liebender Paare. Nach einem Moment der Prüfung wandte er sich wieder den Körnern zu, um daraufhin, wie um sich zu vergewissern, erneut meinen Blick zu suchen. Vielleicht war ja was mit seinem Fressen nicht in Ordnung dachte ich noch, als ich den wahren Grund seiner Verwirrung in seinen Händen liegen sah; dort wog die Karte seiner Kollegin schwer auf der Fleisch gewordenen Waage.

»Und Sie meine Kollegin«, hörte ich Maki Hakinen noch zu mir sagen, als ich bei dem Versuch, das Malheur zu tilgen die etwas zu eilig hervorgeholten eigenen Visitenkarten wie ein Spaßzauberer ungeschickt aber effektvoll und durchaus unbeabsichtigt in hohem Bogen über uns verteilte. Nach ein paar Sekunden fanden wir uns auf einem See aquamarinblauer ‚time4tea’-Karten. Ruhig wie in einem Zengarten schien Frau Legals Kärtchen in absoluter Harmonie auf ihm zu schweben.

Draußen begann es deutlich hörbar in diese schreckliche Ruhe zu regnen und mir schien, der See würde nun tatsächlich die ‚Bellevue-Lodge’ überschwemmen. Irritiert sah ich Hilfe suchend zu Mika, die ihrerseits flehend zu Maria blickte.

Maki Hakinen nahm endlich eine aufrechte Position ein, beförderte den Stapel wieder unter seinen linken Arm, ohne dass auch nur ein Dokument verrutscht wäre und entfernte sich in Richtung Tür.
»Herr Hakinen hat sich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, muss sich nun aber entschuldigen«, tönte Maria Ilona Legal währenddessen gnadenlos, als ob sie selbst für solche Momente vorbereitet wäre.

An der Tür drehte sich ihr Vorgesetzter noch einmal um und meinte zu seiner Mitarbeiterin:
»Ich mag die Beiden. Machen Sie einen Termin für übernächste Woche...«, und verschwand. Ich hätte schwören können, er hatte uns im letzten Moment noch zugezwinkert.

28.03.2010 Irina Gragoll
Emotion statt Perfektion

Hochglanz ist angesagt. Deutschland sucht die Superstars jeder Couleur. Perfekt, passend, praktikabel. Stars ganz anderer Art stehen im Fokus der Fotoausstellung face the dog. Ungeschminkt, unfrisiert, pur: Hunde von der Straße statt Models vom Laufsteg. Fotografiert von der Texterin von Freigut Berlin.

Schaut doch mal vorbei. Im Pfötchenhotel Resort Berlin, Birkenallee 10 - 11, 14547 Beelitz-Schönefeld. Ausstellungsdauer: 29. März bis 29. Mai 2010; Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 7 - 19 Uhr, Samstag und Sonntag 9 - 19 Uhr.

16.02.2010 Das freigut Team
Jetzt noch freier

… die Freigut KOLUMNE wird zum TREIBGUT. Eine Rubrik, in der alles erlaubt ist, was anmacht. Die Nabelschau für alle, die neugierig sind und mehr erleben wollen. Viel Spaß beim neuen Treiben unter TREIBGUT!

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01.12.2009 von Bertram Grund
Ein Flug zur Freiheit

Neulich musste ich wieder einmal nach Paris. Nicht der Liebe wegen, übersetzen sollte ich, wie so oft. Ein Symposion der Académie française zum Thema Krisenbewältigung. Offenes Herangehen unter dem Titel: „L’intelligence ou la naïveté – qui va nous sauver de la crise?“ Gute Frage, doch ich musste erst einmal sehen, wie ich mich aus meiner eigenen Krise retten würde. Claire war zum ich weiß nicht wievielten Mal zu ihrer Mutter gezogen, mein Verleger konnte sich nicht dazu durchringen, das Gesamtwerk Flauberts neu übersetzen zu lassen und mein bester Freund Dominik lag schwer verletzt im Krankenhaus, irgendein Idiot hatte ihm die Vorfahrt genommen. Dazu kam Suzanne, die Claire aus Selbstverwirklichungsgründen bei mir gelassen hatte und deren pubertären Hormonschüben ich wenigstens die Richtung Schule und Cellostunde geben musste.

Das Flugzeug ging um sieben, mörderisches Aufstehen um vier, das wird ein langer Tag. Meine Mutter war für ein paar Tage zu mir gezogen, kein Ersatz für Claire, doch eine große Hilfe. Sie kam einigermaßen gut mit Suzanne aus und Frido ließ sich sogar von ihr streicheln, ganz selten schnurrte er dazu. Ein Kuss auf den Spangenmund meiner schlafmuffigen Tochter, ein Lächeln meiner Mutter zum Abschied.
»Und vergiss nicht, den Apfel zu essen!« Irgendwie bleibt man immer Sohn.

Es regnet in Strömen. Was auf den Straßen so los ist, um fünf Uhr früh! Das verschlafe ich immer. Ich stelle mir vor, wie all die Bäcker, Chemielaboranten, Müllentsorger, Busfahrer, Kioskbesitzer und Leibwächter auf ihrem Weg zur Arbeit Morgen für Morgen durch meine Träume rattern, in der Tat zwanzig Meter von meinem schwitzenden Körper entfernt. Wenn die wüssten. Wenn ich das wüsste. Ich nehme ein Taxi, die Scheibenwischer tun, was sie können. Neben der Autobahn streunende Hunde, ich kann noch nicht wach sein. Nach einer knappen Stunde bin ich am Flughafen, der Taxifahrer hat mich mit sich verschont. Wenigstens das. Eine lange Schlange beim Check-in. Um kurz vor sechs. Achtung Paris, eine volle Ladung schlechte Laune, Ankunft viertel nach acht. Sauve qui peut, rette sich wer kann! Die Damen an den Schaltern verhalten sich so, als ob sie uns die Reise an die Seine nicht gönnen und sie sie sich nie leisten könnten. Was Unsinn ist. Vielleicht sind Ihnen ja die Männer davon gelaufen und ihre Mütter geben ihnen geschwätzige Ratschläge. Mein Presseausweis macht es nicht besser.
»Ich weiß, wie Sie sich fühlen müssen, meine Mutter meint, auf keinen Fall anrufen - und binnen einer Woche sind sie zurück...«, formt es sich in meinem Kopf. Gerade noch rechtzeitig nehme ich wortlos mein Ticket entgegen.

Im Mantel der Apfel, schnell noch essen. Mamma wäre stolz auf mich. Naja, eh ich ihn in den Kübel vor den alles durchleuchtenden Scannern werfe. Schuhe aus, an die Stahlkappen innen gedacht. Nervös durch’s Tor, ständig diese Nervosität, etwas Spitzes, Giftiges, Flüssiges dabei zu haben, so oft ich fliege, ständig diese Angst. Nichts piepst, ich bin Profi.

»Der Herr, ist das ihre Tasche?« Sofort der Schweißausbruch. Ich öffne, und
»Ja, das ist mein Laptop«, und
»Ja, gerne schieben Sie das noch mal durch die Röhre«, und
»Was? Ich soll die Stulle jetzt essen? Welche Stulle?« Mein Kopf beginnt zu glühen.
»Mamma! ... Wie bitte? ... Ja aber ich habe doch erst später wieder Hunger. Wegwerfen? Essen wegwerfen? Na hören Sie mal. Wollen Sie nicht wenigstens? Ah, Sie dürfen nicht.« Ich sehe auf die Uhr, zehn nach sechs.
»Möchte jemand meine Stulle essen?« Ich stelle mich in den Weg der Reisenden, die gerade dabei sind, mühsam ihre Gürtel wieder anzulegen.
»Mein Herr, bitte halten Sie den Betrieb nicht auf.«
Lecker Leberwurst, immerhin!

Philipp Klein spürte, wie die Katastrophe in ihm emporstieg. Er war so müde und konnte sich kaum wehren. Er teilte die Hälften der Stulle und sah, wie von der Seite zwei Sicherheitskräfte sich den Weg zu ihm bahnten. Die Beamtin vor ihm wich zurück. Ziemlich ausweglos. Ein Mann Mitte Fünfzig auf Strümpfen, jede Hand trägt eine Scheibe Brot mit Leberwurst, er ist zum Äußersten bereit. Zumal seine Hose sich langsam verabschiedet.
»Jetzt bleiben Sie ganz ruhig und strecken ihre Arme vor ihren Oberkörper.« Mit großem Respekt näherten sich die beiden bulligen Männer Philipp Klein, der tat, wie ihm geheißen.
»Und jetzt ganz langsam ausatmen und die Augen schließen.« Eh er sich’s versah, hielt er Laptop und Gürtel in den Händen, es mussten Ewigkeiten vergangen sein. Er öffnete die Augen und die Beamtin reichte ihm Tasche, Schuhe und Mantel.

Am Gate musste er sich setzen. Er blickte durch ein riesiges Fenster auf das Flugfeld. Der Regen hatte nicht nachgelassen, im Gegenteil. Die Art der Schulung oder Fortbildung des Bodenpersonals, unglaublich, was hatte er für ein Bild gehabt. Eine Versammlung ehemaliger Türsteher und Frauen, die ohne den Ein-Euro-Job am Scanner auf die Berliner Tafel angewiesen wären. Und jetzt das. Psychologie und Einfühlungsvermögen pur. Philipp Klein war erschüttert. Über die Situation, über sein Vorurteil, über sich. Plötzlich sah er an sich herunter und bemerkte, dass er die Schuhe verkehrt herum anhatte. Der Linke rechts, der Rechte am linken Fuß. Der erste Tropfen traf den rechten Schuh, gleich darauf noch einer, der dritte ging auf den linken. Leise, aber umso intensiver schüttelte ihn ein Weinkrampf, ein Zittern durchfuhr ihn wie ein Pfeil in extreme slow motion und ein Schluchzen bahnte sich den Weg durch Kehle, Mund und Nase.

»...zum Ausgang 43. Mr. Philipp Klein, last call for Mr. Philipp Klein, please proceed immediately to gate number 43.« Mit letzter Kraft, die sein Körper noch für solche Notfälle aufgespart hatte, schleppte er sich in das Flugzeug und war froh, endlich am Etappenziel dieses Morgens zu sein. Kaum angeschnallt, fiel er sofort in einen tiefen Schlaf, tief wie die Weiten, die sich gleich unter ihm ausbreiten würden.

Auf 2100 m ü. M. sitze ich auf dem Dach der Hütte auf dem Weg zum Olymp. Mir ist verdammt kalt und ich bin ausgestoßen. Nach zwei Stunden Aufstieg komme ich völlig erhitzt auf dieser Berghütte an und bekomme eine Gemüse-Nudel-Suppe. Ich esse sie vor der Tür mit Blick aufs Bergmassiv. Der Suppe wird kalt. Mir auch. Die Hütte bietet Wärme, Kaminfeuerwärme - nur keinen Sitzplatz. Alle Franzosen essen. Die Deutschen sind ausschließlich. Nur die Griechen sind freundlich, doch haben auch sie keinen Platz. Ich stelle mich zur Theke. Dort werde ich nur kurz geduldet. Dann muss ich auch da weg, denn da ist Essensausgabe. Also wieder raus und frieren. Das, was ich jetzt tue. Vielleicht erfriere ich ja später. Gegrätscht auf dem Dachfirst der Hütte über den Köpfen der Franzosen, Deutschen und Griechen. Inzwischen werden sie wohl alle essen. Ohne mich. Wenn ich einschlafe, falle ich entweder vom Dach oder ich erfriere.

Ich schlafe ein.
Ich wache auf.

Erstaunlicherweise ist keine der beiden Möglichkeiten eingetreten. Die Nacht hatte Erbarmen und spann mich in einen warmen, weichen Kokon, der mich überleben hat lassen. Ich frühstücke Kräutertee, dusche nicht, segne meine Bergstiefel und beginne den Aufstieg zum Gipfel. Hohe Tannen und grüne Wiesen gehören bald der Vergangenheit an. Das letzte Edelweiß kreuzt gelb meinen Weg. Nebelschwaden verdecken die Sicht. Schon wieder allein, schon wieder diese Kälte. Ca. 250 Meter trennen mich vom Gipfel. Plötzlich reißt der Himmel auf. Kurz und gewaltig. Die vier Zinnen drohen, mich in den Abgrund zu kippen. Durch die Rinne nach oben. Der Blick nach unten weckt Schauer. Der nach oben auch. Wolken drücken nach unten. Ich kämpfe weiter. Ein Schritt - und ich bin über der Milch. Ausatmen, einatmen, ausatmen, einatmen. Beschleunigen. Pumpen. Tragflächen ausfahren. Propeller, Turbinen, alles rotiert.

Ich fliege.

Ich umkreise Stephania, den Sitz der Musen. Sturzflug zu Skala, bevor mich ein Steinadler auf seinen Schwingen zum Gipfel der Gipfel, zum Sitz des Göttervaters, zu Mythikas trägt. Sanft empfängt mich die griechische Flagge und überreicht mir das Gipfelbuch.
»Herzlich willkommen am Flughafen Paris Orly. Bitte bleiben Sie noch so lange angeschnallt...« Um mich zieht ein Adler seine Kreise.

Philipp Klein öffnet die Augen, um ihn herum geschäftige Unruhe. Er schließt sie wieder und erwischt tatsächlich noch den rautenförmigen, gefiederten Schwanz aus dem Bild rechts oben entschwinden. Ein Lächeln legt sich auf sein Gesicht. Zum ersten Mal an diesem Tag. Er öffnet wieder die Augen. Wie auf einem Rollband fließen die Passagiere an ihm vorbei. Er hat Zeit. Am Ende tritt die Stewardess in sein Gesichtsfeld. Sie beugt sich zu ihm.
»Kann ich Ihnen helfen?« Philipp Klein strahlt sie an.
»May I help you, Sir?« Er schüttelt langsam den Kopf, schnallt sich ab und verlässt mit leichten Schritten den Airbus. Es ist, als ob die Erdanziehungskraft in Paris geringer sei als in Berlin, als ob die Luft sich leichter durch die Lungen arbeiten könnte. Philipp Klein sieht auf die Uhr, es ist acht Uhr zwanzig. Was habe ich heute schon erlebt? Ich bin ein verlassener Mann mit einer halbwüchsigen Tochter, einer urwüchsigen Mutter und einem kleinwüchsigen Kater, mein bester Freund liegt im Krankenhaus, beinahe wäre ich festgenommen worden und gerade noch flog ich mit dem König der Lüfte um den Gipfel des Olymp. Und es ist gerade mal halb neun und das Symposium beginnt um drei und mein Koffer tritt als erster auf die schwarze Drehbühne. Das hatte ich noch nie. Wahrscheinlich so wahrscheinlich wie sechs Richtige. Gut, etwas wahrscheinlicher.

Ich löse das Ticket für Orlyval und RER und sitze nach kurzer Fahrt in der unbemannten Metro im Zug nach Paris. Ich fahre zur Arbeit wie alle Franzosen um mich herum und werde pünktlich sein. Überpünktlich. Doch irgendetwas ist anders als sonst. Irgendetwas ist irritierend schön. Da, die Dame lächelt. die Farbige mit den vielen Schnüren in den Haaren auch. Ich drehe meinen Kopf. Ein Junge mit i-Pod sieht auf, beginnt ebenfalls zu lachen und senkt seinen Kopf. Mein Blick geht ins Fenster. Aus den Schlieren der nassen Dämmerung lugt wie ein Schemen ein sehr freundliches Gesicht hervor. Ich erkenne Lachfalten und hohe Wangenknochen. Und Mundwinkel wie eine liegende Mondsichel. Das möchte ich sein. Ich lache. Es auch. Plötzlich fährt eine Erinnerung wie ein Blitz durch die Oberleitung des Zuges und die Gepäckablage in mich hinein. Dort wird sie zu einem Entschluss. Mein Spiegelbild leuchtet kurz auf. Ich kann mein Strahlen kaum steigern.

An der Station Luxembourg steige ich aus, der Quai de Conti, die Académie und die Pressereferentin können warten. Auf den Treppen nach oben riecht es streng, für mich sind es Rosen. Nur Sekunden braucht mein inneres Navigationssystem und schon durchquere ich den Park und bin in der rue Madame. Wie passend. Ecke rue de Mézières. Hier ist es, nichts hat sich verändert. Ich krame in meiner Brieftasche. Der Code ist noch immer der Gleiche. Zwei Etagen mit Koffer. Ich läute. Vertraute Musik in meinen Ohren. Ich höre Schritte, die Tür öffnet sich.

Sie ist schöner den je, jetzt, wo sie mir sprachlos gegenüber steht. Sie braucht gefühlte fünf Minuten, um sich zu fassen.
»Philippe, mon cher, mon petit Philippe«. Sie kommt auf mich zu und nimmt meinen Kopf sanft zwischen ihre Hände. Auch das vertraut – wie lang ist das her?
»Je rêve, n’est-ce pas?«
»Non, Madame Heller, geträumt habe ich und ich komme direkt vom Olymp! Auf einen petit café?« Einladend strecke ich ihr den Arm entgegen. Sie ist schon auf dem Weg zur Garderobe und wirft sich einen Mantel über. Über die Schulter strahlt sie mich an, ihre Falten spielen verrückt vor Freude.
»Du hast Glick, Monsieur Kleinklein, mein nächster Schüler kommt erst heite Nachmittag. Ist fast so begabt wie du damals; du misstest ihn hören, seine Finger fliegen iber Tasten, dass es große Freude ist.«

Wenig später saß Philipp Klein mit seiner alten Klavierlehrerin in dem Café, in dem er sie mit seiner Mutter vor hunderten von Jahren zum ersten Mal getroffen hatte. Madame und er hatten sich viel zu erzählen. Glück, Not, Tod, Leidenschaft. Und in Philipp Kleins Herz wuchs ein Gefühl, das er seit Jahren nicht empfunden hatte, ein Gefühl, das ihm verloren schien. Seine Tasse begann zu blinken. Er blickte nach draußen und sah den Regenbogen, der sich über den Prachtbau des Palais du Luxembourg spannte. Da wusste er, was mit ihm geschehen war.

»Freiheit. Ich bin frei, Madame Heller», wandte er sich wieder zu der alten Dame gegenüber.
»Je sais, mon petit Philippe, ich weiß«, und während sie seine Hand in ihre nahm, schloss sie langsam ihre wunderschönen, großen Augen.


 
 
   
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